NUR SALAT.

NUR SALAT.

Im Alter von 10 Jahren kam ich zum 1. Mal mit «Verzicht auf Fleisch» in Kontakt. Meine beiden älteren Geschwister stellten damals ihre Ernährung um und ernährten sich fortan vegetarisch bzw. vegan. Für mich war das völliges Neuland, nur schon sich bewusst darüber Gedanken zu machen, ob man das überhaupt möchte oder nicht. Irgendwie mochte ich die Vorstellung, kein Fleisch mehr zu essen und es machte für mich einfach Sinn. So eiferte ich dem Beispiel meiner Geschwister nach und öffnete meine Augen der Welt der vegetarischen Küche.

Etwa 10 Jahre später realisierte ich, dass ich gar nicht richtig wusste, weshalb ich über die vielen Jahre auf Fleisch verzichtete. Ich hatte als Kind diese Entscheidung getroffen und einfach so gelebt, diese aber nie mehr richtig hinterfragt. Zu diesem Zeitpunkt erinnerte ich mich daran, dass ich in meiner Kindheit Produkte wie Schnitzel, Wurst oder auch Fischstäbli eigentlich gerne mochte und begann kurzum wieder Fleisch und Fisch zu essen. Es folgten ein paar Jahre in denen ich viel ausprobierte, nicht wirklich darüber nachdachte und einfach ass was mir schmeckte. Speziell zu Beginn dieser Zeit nahm ich in der Tendenz recht viel Fleisch zu mir und hatte wohl auch irgendwie das Gefühl, ein wenig kompensieren zu müssen oder es mir – auf irgendeine Weise – erlauben zu können.

Dann lernte ich meine Frau kennen, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits rein vegetarisch ernährte. Schon zu diesem Zeitpunkt ass ich nicht mehr so viel Fleisch wie auch schon und dieser Trend setzte sich danach stetig weiter fort. Später, als wir auch zusammen wohnten, fügte sich vieles wie von selbst. Zuhause kochten wir somit immer vegetarisch, mein Bedürfnis nach Fleisch ebbte weiter ab und lebte ich maximal noch bei einem Besuch in einem Restaurant aus. 2018 wechselte meine Frau dann zur veganen Ernährung – ich konnte mich jedoch noch nicht gänzlich von einigen meiner heiss geliebten Lieblingsprodukten wie rezenten Gruyère, Mozzerella oder rahmigem Glacé trennen.

Meine Beziehung zu Fleisch könnte man ungefähr so darstellen:

In diesem Jahr geschah auch noch etwas anderes: Greta Thunberg. Ich sah einen TED Talk und war tief berührt von diesem kleinen Mädchen, welches sich direkt, ehrlich und integer dem Elefanten im Raum widmete. Ihr Mut imponierte mir und ihre Worte blieben. Plötzlich begann ich mich aufmerksamer mit meinem Konsumverhalten, den Essgewohnheiten, dem Selbstverständlichen und den vielen unbewussten Entscheidungen auseinanderzusetzen, die wir jeden Tag aus Neue treffen. Nicht im Sinne der gesellschaftlichen Kritik, ich würde es heute viel eher als einen Prozess des Aufwachens beschreiben. Das liest sich jetzt, als wäre ich von der göttlichen Mutter höchstselbst aus dem Schlaf geküsst worden. Das ist natürlich Quatsch. Ich möchte lediglich mein Emfpinden des Prozesses an sich beschreiben. Man realisiert sich selbst mit einem Gefühl der Veränderung, in dem man feststellt, dass man heute anders ist, als man noch vor wenigen Jahren gewesen war.

In den Medien wurden diese Themen auch im Zusammenhang mit dem Klimawandel immer präsenter. Für mich wurde mein Ziel derweil immer klarer: Ich wollte damit aufhören, Tiere für meine Ernährung zu nutzen und mich pflanzlich ernähren. Ja, die Generationen vor uns haben über tausende Jahre hinweg Tiere gegessen. Heute können wir hingegen von uns sagen, dass wir intelligenter sind und unsere Welt als grösseres, komplexeres System verstehen – hoffentlich besser als vor ein paar tausend Jahren. Die Welt sieht heute anders aus und eigentlich wissen wir doch alle, dass es ihr nicht gut geht. Es herrscht ein Ungleichgewicht. Nicht erst seit gestern und es geht auch nicht darum, auf jemanden zu zeigen und den Schuldigen an den Pranger zu stellen. Durch den immer schneller werdenden Fortschritt und das damit rasante Wachstum unserer Gesellschaft (und von nahezu allem anderen) verschärft sich diese Dynamik und wird immer spürbarer. Gerade in der Schweiz habe ich teilweise das Gefühl, dass wir nicht wirklich alle Geschehnisse verstehen (wollen). Wir sehen es, hören es und sind auch immer wieder gepflegt schockiert über «all die schlimmen Dinge» die da draussen geschehen.

Der Amazonas brennt? Phu, das ist gar nicht gut! Was, wieviele Fussballfelder werden pro Tag abgeholzt? 4’300? Krass, das ist ja unglaublich.

Betroffen sind viele, aber wirklich davon betroffen, sind die wenigsten. So habe ich das Gefühl, dass es uns oftmals schwer fällt, einen Zusammehang zwischen unserem Handeln, unseren täglichen Entscheidungen und den Dingen in der Welt herzustellen. Wir werden fast täglich von beunruhigenden, bedrohlichen und teils schrecklichen Neuigkeiten überflutet. Man sollte etwas tun, aber wer ist in der Lage dazu? Wo können wir überhaupt anfangen? Was kann ich als einzelner Mensch und einfacher Bürger denn tun? Das sind Fragen, die mir hier in durch den Kopf schiessen und damit bin ich vermutlich nicht alleine. Genau an diesem Punkt sehe ich ein Problem.

In dem wir uns diese Art von Fragen stellen und den Kopf verlieren – gegenüber diesem Schlamassel gigantischen Ausmasses – klammern wir uns selbst aus der Gleichung aus. Wir glauben, dass wir sowieso nichts ändern können und «nur ein kleines Zahnrad» in der Maschinerie der Welt darstellen. Unser Wirken ist begrenzt, das ist in den meisten Fällen natürlich schon richtig. In unserer Rolle als kleines Zahnrad sind wir jedoch auch fest mit unserer Umgebung verzahnt und haben so wesentlich mehr Berührungspunkte, als uns womöglich bewusst ist.

Laut dem Psychologen Ernst Pöppel treffen wir in unseren wachen Stunden des Tages im Durchschnitt rund 20’000 Entscheidungen. Manche blitzschnell und instinktiv, andere hingegen überlegt und bewusst. Eine ganze Menge um Einfluss auf unser Leben zu nehmen. Auf dem Weg meinem persönlichen Ziel der veganen Ernährung näher zu kommen, musste ich nun «einfach» andere Entscheidungen treffen. Wenn es um die Ernährung geht, ist das am direktesten bei einem Einkauf spürbar.

Da steht man nun. Das Kühlaggregat der Käsetruhe leise im Hintergrund wummernd. Der Lieblingskäse Gruyère liegt vor einem, genau das 250g Stück, welches ich immer nahm. Ich weiss es ganz genau, es ist dieser Schlüsselmoment, die Entscheidung. Meine eigene, freie Entscheidung.

Zu Beginn meiner Reise machte ich hin und wieder Ausnahmen. Ich war einfach nicht immer stark genug zu verzichten. Wohl wissend, dass ich mit jedem Produkt, welches ich kaufe (und nicht kaufen wollte), dessen wirtschaftliche Nachfrage beeinflusse. Die Nachfrage unterscheidet nicht zwischen «nur noch einmal» oder «es ist gerade Aktion» – es zählt einzig und allein, ob das Produkt gekauft wird. Ende Sommer 2019 begann ich damit, die kleine App Habitpot (mehr zum Projekt) zu konzipieren. Die App half mir, mit diesen Ausnahmen umzugehen und mir die Häufigkeit meiner Abweichungen vor Augen zu führen. So ass ich dann bereits zu 90% vegan und die Ausnahmen wurden immer seltener.

Ich bin der Überzeugung, dass wir uns bewusster mit unseren Entscheidungen auseinandersetzen müssen. Um Veränderung herbeizuführen, können wir uns nicht zurücklehnen und auf den grossen politischen und wirtschaftlichen Systemwandel hoffen. Wir sind nicht machtlos! Hierzulande haben wir das Privileg zu wählen und jeden Tag Entscheidungen treffen zu dürfen.

Nun versuche ich noch holperig den Bogen zum Clickbait-angehauchten Titel dieses Posts zu spannen. Durch das wir verzichten, nehmen wir Einfluss. Nicht nur auf die kleinen Zahnräder links und rechts von uns, sondern auch auf die wirtschaftliche Nachfrage und dadurch auf das Angebot. Als ich 10 Jahre alt war, begann mein Bruder damit, sich vegan zu ernähren. Heute dürfen wir uns über ein stetig wachsendes Angebot mit immer wieder neuen, tollen und feinen Produkten erfreuen. Verzicht wird so immer einfacher! Ich vermisse meinen Gruyère von früher immernoch, aber das ist es mir wert.

Wer weiss – vielleicht gibt’s irgendwann auch Gruyère ohne Tiere? (Hoffnig gaht use… formo.bio / @eatformo)